Christi Himmelfahrt 2020

 

Lesepredigt und Gebete von Pfarrerin Susanne Stöcker

 

 

Gebet

 

Guter Gott,

du weißt, wer wir sind.

Zufriedene und unzufriedene, sichere und unsichere Leute.
Menschen mit gutem und Menschen mit schlechtem Gewissen-

Mutige und Ängstliche, Überzeugte und Fragende.

Und du weißt, wo wir herkommen:

Aus einem Familienkreis, der zeitweise eng wurde in den letzten Wochen oder aus großer Freiheit und Einsamkeit,

aus beruhigendem Wohlstand oder aus neu entstandener Existenznot,

aus Konflikt und Krise oder geschenkter Ruhe.

Jetzt stehen wir alle vor dir:

in aller Ungleichheit gleich darin, dass du uns freundlich anschaust. Wir sind gleich darin, dass wir nicht wissen, wie sich das Leben in einer neuen Situation äußern wird. Wir alle müssen uns anpassen und uns einlassen auf das Fremde.

Wir sind hier beieinander, weil wir uns deinen Trost erhoffen. Wir möchten Kraft schöpfen aus deiner Freundlichkeit. Wir suchen nach Sicherheit in der Bedrohung, nach Nähe im Abstand und nach Gewohntem in der neuen Wirklichkeit.

Wir bitten dich, dass du uns begegnest. Segne unsere Gemeinschaft hier und in unseren Häusern. Lass uns spüren, dass wir nicht alleine sind.

Amen

 

Erzählung von der Himmelfahrt

 

(Apostelgeschichte 1, frei übertragen von S. Stöcker)

Seit Ostern waren 40 Tage vergangen. Die Freundinnen und Freunde von Jesus waren ihm in dieser Zeit immer wieder begegnet. Sie konnten ihn sehen und hören und sie redeten viel über seine Lehre. Sie wünschten sich eine Welt, in der es gerecht und friedlich zugehen würde. Sie träumten davon, Gott nahe zu sein und ihn endlich ganz genau zu verstehen. Als sie Jesus danach fragten, wann es denn so weit sein würde, sagte er ihnen folgendes:

„Ich kann euch nicht sagen, wann diese Zeit kommen wird. Aber ihr werdet den Heiligen Geist bei euch spüren. Er wird bei euch sein, solange ihr lebt und solange ihr von der Zeit Gottes träumt.“

Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen empor gehoben und eine Wolke nahm ihn auf, weg von ihren Augen.

Die Freundinnen und Freunde von Jesus standen da und sahen ihm nach, sie schauten in die Wolken und staunten. Plötzlich standen zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen und sie sagten: „Was steht ihr da und seht zum Himmel? Guckt nicht nach oben, sondern schaut in die Welt: Nicht da, wo der Himmel ist, ist Gott – sondern da, wo Gott ist, ist der Himmel.“

Da gingen sie zurück in die Stadt und in ihre Häuser. Und sie wussten noch nicht, was als nächstes kommen sollte.

 

Lied: "Da berühren sich Himmel und Erde"

 

Ansprache

 

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen

Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen

und neu beginnen, ganz neu.

Da berühren sich Himmel und Erde.

Wir haben das Lied gehört und auch wenn wir es nicht mitsingen können, diese Berührungspunkte sind heute interessant. In der Woche des Himmelfahrtstages suchen wir nach der Berührung zwischen Himmel und Erde.

Diese Himmelfahrtsgeschichte, die lässt mich jedes Jahr staunen. Sie ist die Verbindung zwischen dem, was die Menschen mit Jesus erlebt haben und dem, was sie nach seiner Zeit in dieser Welt aus der Begegnung mit ihm gemacht haben.

Nach dem Tod und der Auferstehung finden Jesus und die Menschen neu zusammen. Sie machen die Erfahrung, dass sie sich gegenseitig berühren können, obwohl Jesus vor ihren Augen gekreuzigt worden ist. Jesus geht den Weg mit nach Emmaus, er lässt sich von Thomas anfassen. Kurz bevor diese Wolke ihn abholt, essen sie noch zusammen und sie reden wie früher über den Traum von besseren Zeiten und sie wandern gemeinsam auf den Ölberg. Gerade hatten sie ihn wieder, es war nach der Extremerfahrung Auferstehung wieder so etwas wie Normalität eingekehrt.

Dann geschieht das, was uns eben (Lesung) erzählt worden ist. Eine vollkommen verrückte Wundergeschichte ist diese Himmelfahrt! Mitten aus der Unterhaltung heraus verschwindet Jesus in den Wolken.

Für die Menschen, die zurück bleiben ist das doch ein Schock! Schon wieder müssen sie Abschied nehmen von ihrer wichtigsten Bezugsperson.

 

Vor ein paar Wochen ist ganz plötzlich vieles verschwunden, was wir für selbstverständlich hielten.

Es ist, als wären wir noch in diesem Moment gefangen, in dem wir staunend betrachten, was hier eigentlich vor sich geht.

Erst nach und nach begreifen wir, was diese Krise bedeutet und wie sie sich auf jeden von uns auswirkt.

Ich weiß, ich kann das Erlebnis der Himmelfahrt nicht gleichsetzen mit unserer Corona-Krise, aber ich erlaube mir eine Spurensuche.

Mit dem Verschwinden von Jesus bleiben die Menschen seines Umfelds ratlos zurück. Sie ziehen sich in ihre Häuser zurück, sie warten ab, sie sind mutlos. Das geht so bis Pfingsten.

Es gibt sie, diese Zeiten der Neuorientierung. Etwas geschieht und man kann nichts anderes tun, als warten, bis sich neue Möglichkeiten abzeichnen. Etwas Ähnliches haben wir erlebt: die Türen blieben geschlossen, große Feste wurden abgesagt, unsere Kommunikation durch Gottesdienst und Kirchcafé, durch Gesang und Gruppen im Gemeindehaus musste schweigen. Wir mussten warten, bis die Realität der Gefahr besser einzuschätzen war.

Es ist eine Zeit zwischen den Zeiten. Noah und seine Familie warteten in der Arche den Sturm ab und waren so lange isoliert. Jona wartete im Bauch des Wals und konnte nichts tun als zu klagen. Die Freundinnen von Jesus bereiteten an den Kartagen die Salbung der Leiche vor, weil in ihrer Trauer nichts anderes zu tun war.

Der Tag der Himmelfahrt ist ein Tag des Abschieds vom Gewohnten. Und trotz des Schocks und dem kompletten Rückzug in die Häuser erhalten die Freundinnen und Freunde von Jesus einen entscheidenden Impuls. Ihnen wird gesagt: „Was steht ihr da und seht zum Himmel? Guckt nicht nach oben, sondern schaut in die Welt: Nicht da, wo der Himmel ist, ist Gott – sondern da, wo Gott ist, ist der Himmel.“

In den Tagen vor Pfingsten arbeitet schon die innere Suche nach einer Gottesbegegnung ohne körperlichen Kontakt.

Und auch wir suchen nach Berührungspunkten in einer Zeit, in der wir uns nicht anfassen dürfen.

Wir kann das gehen?

Jesus ist geblieben, obwohl er gestorben ist. Gott ist mitten unter uns, obwohl wir ihn nicht sehen können. Wir bleiben Gemeinde, auch wenn unsere Traditionen unterbrochen werden und sich verändern müssen.

Wir finden unsere Berührungspunkte nicht mehr im Gewohnten. Wir müssen neu suchen. Die Engel, die uns dieser Tage begegnen, tragen Schutzmasken und sie haben seitenweise Regeln dabei. Sie formulieren, was uns schützt. Sie erklären, was über die Gefahr bekannt ist und sie helfen bei der Einschätzung. Sie sagen:

Sucht nicht im Gewohnten, sondern findet neue Wege.

Ich musste lernen, wie eine Zoom-Konferenz funktioniert und wie lange es dauert, ein Youtube-Video zu produzieren. Ich musste auf die harte Tour lernen, dass ich nur noch von anderen höre, wenn ich sie anrufe. Ich musste einsehen, dass körperliche Nähe gefährlich ist, dass Zurückhaltung Schutz bedeutet. Ich musste einsehen, dass ich manchmal hilflos bin. Ich musste Aktionismus bremsen und Geduld einfordern, wo ich sonst fröhlich mitgezogen wäre. Ich muss zugeben, dass wir im Moment kaum Pläne machen können, weil wir nicht wissen, ob und wann die Gefahr sich legt.

Und trotz all dem, gab es ja zahllose, kontaktlose Berührungen.

Gott ist nicht im Himmel, sondern er bewegt die Menschen innerlich und sorgt für Kontakt, sogar in einer Zeit des Stillstands. Es wurde telefoniert, geschrieben, für andere eingekauft, gebastelt, organisiert, nachgedacht, aufgeräumt und erinnert, gesungen, gebetet und gefilmt. Wir haben erlebt, wie rasch nach dem ersten Schock überall Ideen entstanden sind.

Wir sind in einer Zeit zwischen den Zeiten.

Wenn ein Gottesdienst mit Anmeldeliste und ohne Gesang, mit einer kleinen Gemeinde aus vermummten Gestalten, uns vor Krankheit und Tod schützt – dann machen wir das eben. Wenn wir merken, es ist zu gefährlich oder es passt nicht zu unserer Art zu hoffen und zu sein, dann lassen wir es eben. Dann gehen wir zurück in den Schutz unserer Häuser und lassen den Heiligen Geist durch die Fenster wehen.

 

Berührung zwischen Himmel und Erde, Berührung zwischen Gott und Mensch, gefahrlose Berührung von Mensch zu Mensch, das geschieht immer neu.

Wo Menschen sich verschenken,

die Liebe bedenken, und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

 

Fürbittengebet und Vaterunser

 

Geheimnisvoller Gott,

du teilst mit uns eine Zeit zwischen den Zeiten, eine Zeit der Unsicherheit und der Gefahr.

Wir bitten dich heute, dass du uns beistehst, bei allem, was uns noch erwartet:

in unseren Häusern, in denen wir uns isoliert fühlen,

in unserer Arbeit, die schwerer fällt als sonst,

in unseren Beziehungen, die auf die Probe gestellt werden,

in unseren Gedanken, die manchmal düster und sorgenvoll sind.

In all dem bitten wir dich: „Bleibe bei uns, Gott“.

 

Geheimnisvoller Gott,

wir lesen die Geschichten deiner Begegnungen mit den Menschen. Wir suchen nach dir in dem, was wir erleben und wir bitten dich, dass du dich in der Liebe zwischen uns finden lässt:

in den Telefonaten, Briefen und E-Mails,

in der Sehnsucht zwischen Enkeln und Großeltern,

in der Bereitschaft, anderen zu helfen,

in den Impulsen, sich um neue Kontakte zu bemühen,

in der Bereitschaft, sich weiterhin an schützende Regeln zu halten.

In all dem bitten wir dich: „Bleibe bei uns, Gott“.

 

Geheimnisvoller Gott,

je länger wir gefangen sind in der Zeit zwischen den Zeiten, desto schwerer fällt es uns, besonnen zu sein.

Wir bitten dich um den Geist des Mutes, der Kraft und der Besonnenheit,

wenn falsche Meldungen sich in den Medien verstecken,

wenn die Angst in Aggressivität umschlägt,

wenn aus Ratlosigkeit Verschwörungstheorien ersponnen werden,

wenn sich Verzweiflung in Gewalt verwandelt.

In all dem bitten wir dich: „Bleibe bei uns, Gott“.

Unsere Gedanken und Gebete hörst du überall. Zu Hause, draußen und in der Kirche.

Wir sagen dir, was in uns vorgeht. Wir beten gemeinsam das Vaterunser.

                                                                                    

Zurück